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Sonntag, 28 Juli 2013 15:02

Exponat des Monats August 2013

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Abb. 1: Haussegen um 1890/1900. Auf Papier gesticktes Spruchbild mit Montierungen. Abb. 1: Haussegen um 1890/1900. Auf Papier gesticktes Spruchbild mit Montierungen.

Haussegen

Bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren gerahmte Bilder der finanziell gut gestellten Bevölkerung als Wandschmuck vorbehalten. Mit den Entwicklungen und Fortschritten in der Drucktechnik stellte sich dann allerdings eine wahre Bilderflut ein. Wandbildverlage schossen aus dem Boden und ihre Produkte fanden sich in Wohn- und Schlafstuben, Schulen und Amtsräumen.

 Die unter dem Begriff Haussegen vertriebenen Spruchbilder reihten sich in dieses Bedürfnis nach neuem Wandschmuck ein. Es handelte sich um gerahmte Stickbilder, die religiöse oder moralisierend-weltliche Sprüche zum Inhalt hatten. Grundmaterial war Papierkanevas, Stramin aus Papier. Darauf stickte man in Platt-, Stiel- oder Spannstichtechnik mit Woll-, Seiden- oder Chenillegarn. Anfangsbuchstaben wurden häufig durch eine Umrahmung mit Gold- oder Silberfäden hervorgehoben. Man verzierte die Sprüche mit Trockenblumen und Bildchen aus Celluloid oder gedruckten Motiven.

Erwerben konnte man die Haussegen als Halbfertig- oder Fertigprodukte in Geschäften oder über den Versandhandel. Halbfertig wurden sie mit bereits angestickten Vorzeichnungen verkauft. Zusätzlich waren schwierigere Arbeiten wie Blütenstern- oder Blattrippenmontierungen bereits ausgeführt. Diese Vorarbeiten erledigten von den Firmen beschäftigte Frauen in Heimarbeit.

Haussegen waren beliebte Hochzeitsgeschenke bei Arm und Reich. Sie fanden ihren Platz in Wohnküche, Stube oder Flur und wurden hoch in Ehren gehalten. Sie waren zudem ein Exportschlager: Eine Leipziger Firma beispielsweise lieferte Ausführungen in elf unterschiedlichen Sprachen und stellte sie sogar auf der Weltausstellung 1892 in Chicago aus.

Unser Expemplar von etwa 1890/1900 trägt den Spruch:

    „Wer auf Gott vertraut    
    das Feld gut baut    
    Und früh aufsteht        Spät schlafen geht    
    das Wirtshaus misst und sparsam ist    
    Hat keine Noth    
    Und immerzu sein täglich Brod.“

Die Stickerei ist teils mit Wollfäden ausgeführt, für die oben und unten im Oval angeordneten Sätze verwendete man Chenillefäden, die zusätzlich mit Goldfäden umrahmt wurden. Die Abbildung zeigt einen Bauern im Sonntagsstaat mit Pferdegespann vor einem Pflug. Im Hintergrund sieht man eine Kirche. So wird in der Abbildung das moralisierende Thema „Glaube und Arbeite“ noch einmal aufgegriffen.

Beate Bickel

Gelesen 8895 mal Letzte Änderung am Sonntag, 28 Juli 2013 15:06